Thomas Schneider zum Umgang mit Stotterern

Buchstabensalat
Buchstabensalat: Oft in Stress-Situationen. Bild: lassedesignen - Fotolia.com

Es stottern viermal so viele Kinder wie Erwachsene und viermal so viele Männer wie Frauen. In Deutschland sind rund 800 000 betroffen. Der Welt-Stottertag am 22. Oktober wirbt für einen offenen und toleranten Umgang mit der Redehemmung. Auch die Selbsthilfe-Gruppe in Tübingen setzt sich für diese Ziele ein. Thomas Schneider ist dort die treibende Kraft.


Herr Schneider, in welchen Situationen verhaspeln Sie sich?
Wenn ich bestimmte Wörter benutzen muss und nicht auf andere Begriffe ausweichen kann. Das passiert etwa in meiner Arbeit als Taxiunternehmer, bei dem ich den Straßennamen nennen muss. Früher hatte ich extreme Probleme, wenn ich als Auszubildender dem Meister Rede und Antwort stehen sollte.

Was löst diese Redehemmung emotional aus?
Ich persönlich bin unzufrieden mit mir selbst. Bei anderen kann es vorkommen, dass sie lieber gar nichts sagen, also ins Schweigen verfallen, um bloß nicht als Stotterer erkannt zu werden. Oder das Stottern kann am Selbstbewusstsein nagen.

Wodurch wurde das Sprachproblem bei Ihnen ausgelöst?
Bei mir hat es mit sechs Jahren angefangen. Ich hatte eine kleinere Operation und nach der Narkose merkten meine Eltern, dass etwas nicht stimmte. Ich stotterte.

Welche Strategien haben Sie gegen das Stottern entwickelt?
Nicht viel gebracht hat der Besuch einer Sprachheilschule. Ich wende an, was bei der Kasseler Stottertherapie (KST) gelehrt wird. Seitdem fange ich langsam an und versuche weiche Stimmeinsätze und manchmal Silbenbindungen hinzubekommen. So verbinden sich die Buchstaben. Es ist wie ein Zusammenfügen beim Singen.

Welche Erfahrungen machten Sie mit Zuhörern?
Dass sie meine Wörter vervollständigen, anstatt mir Zeit zu lassen. Aber so wie nicht jeder Blinder möchte, dass man ihm bei Rot über die Ampel hilft, möchte ich nicht, dass man mir hinein redet. Es ist eine Bevormundung.

Wie können sich Gesprächspartner richtig verhalten?
Sie sollten etwas mehr Geduld aufbringen. Und sie sollten während des Gesprächs nicht wegschauen, sondern den Augenkontakt suchen.

Thomas Schneider
Thomas Schneider
Bild: Vey

Welche Tipps haben Sie für Stotterer?
Keine Scheu zu haben, in die Öffentlichkeit zu gehen. Das klappt besser, wenn man sich fachliche Hilfe holt, also einen Logopäden aufsucht.

Was kann eine Selbsthilfe-Gruppe beisteuern?
Dort bekommt man mit, welche Therapien andere gemacht haben. So lässt sich herausfinden, was für jeden einzelnen geeignet ist. Außerdem gibt es Empfehlungen für Logopäden, die sich auf diese Probleme spezialisiert haben. Und natürlich dient die Gruppe dazu, Gleichgesinnte zu treffen.

Und wohin können sich Kinder wenden?
An Logopäden. Wir als Selbsthilfegruppe können erst etwas für Jugendliche tun. Ihnen können wir beispielsweise bei offenen Fragen zur Berufswahl helfen.

Interview: Birgit Vey
Treffen: Mittwochs, 14-tägig, 19.30 Uhr, Tübingen, Hölderlinstraße 19, 1. Stock, Schule für Logopädie
Homepage der Ortsgruppe Tübingen: http://www.stottern-tuebingen.de/
Bundesvereinigung Stottern & Selbsthilfe e.V.: http://www.bvss.de/